Nr. 3, 01. 02. 2010
Mit Empathie zur Anarchie?
Gedanken an Horst Stowasser
Ich habe mich am Wochenende mit der Idee zu unserem auf dem Festival geplanten Anarchistencafé beschäftigt und bin in die dazu gehörige Theorie eingetaucht. Dank Horst Stowassers wahrem Meisterwerk "Freiheit Pur" ein höchst vergnügliches Unterfangen – erleuchtet er darin doch grandios verständlich, dabei humoresk und kritisch die Idee, Geschichte und Zukunft des Anarchismus.
Umso mehr hat mich wieder einmal eine tiefe Wehmut darüber ergriffen, dass dieser herzlich-intelligente Mensch, Mann, Autor, Frankophile & Genießer, Vater und Anarchist im Sommer an einer Blutvergiftung verstorben ist.
Zwei Wochen zuvor hatte er uns noch mit seiner dicken Zigarre im ZEGG besucht und mit mir bereits verabredet, dass er als anarchistischer Ehrengast unser Festival beehren würde.
Und überhaupt hatte ich große Pläne mit ihm geschmiedet: die anarchistische Szene empathisch zu unterwandern und die empathisch-gewaltfreie Kommunikation im Gegenzug dafür gehörig aufzupeppen. Oder die beiden einfach zusammenzubringen, weil sie ja im Grunde genau das Gleiche wollen und sich nur höchst unterschiedlich "vermarkten". Herrschaftsfreiheit = Anarchie = Eine Kultur der Partnerschaftlichkeit.
Horst Stowasser war einer der wenigen klugen Männer, die mir bislang begegnet sind, die groß denken und dabei gleichzeitig in ihr Herz zu spüren vermögen. Und gerade deshalb hätte ich ihn so gerne als Mitstreiter gehabt für die Neuauflage einer anarchistischen Auseinandersetzung. Nämlich zur Frage, wie denn die Menschen als Gesamtes (und damit sind ja ALLE Mitglieder der Gesellschaft gemeint!) fähig sein sollen, ihre privaten und gesellschaftlichen Bedürfnisse ohne Hierarchie und Bevormundung selbst in die Hand zu nehmen? Zumindest ohne Gewaltanwendung?
Marshall Rosenberg nennt uns Menschen im hierarchischen Gesellschaftssystem "nice dead people" – wir haben gelernt, zu tun, was nötig ist, damit Autoritäten uns für gut und nicht böse einstufen, anstatt zu fühlen und für unsere Bedürfnisse zu sorgen.
Wie wird der Mensch (wieder) fähig zur Freiheit - nach mehreren Tausend Jahren der Sozialisation in hierarchischen Gesellschaftssystemen?
Muss das nicht grundsätzliche Frage sämtlicher Skizzen einer freien, einer ‚besseren’ Gesellschaftsstruktur sein? Und ist das nicht Grundproblem solcher Ideale, dass sie den Ist-Zustand des Menschen nicht in ihre Utopien mit einbeziehen? Und somit immer Zwangsmaßnahmen nötig sind, damit die hehren Ziele in die "niederen" Menschen gepresst werden können?
Anarchie läßt sich nicht ›einführen‹. Man kann sie nicht einfach wählen – an einer solchen Gesellschaftsform muss man teilnehmen. Sie braucht Menschen, die selbst mitdenken und mithandeln. (Horst Stowasser)
Ich glaube mittlerweile immer öfter, dass Empathie, die Fähigkeit sich selbst und die anderen in ihren Gefühlen und Bedürfnissen wahrzunehmen, ein Schlüssel sein könnte auf dem Weg in die Freiheit. Vielleicht gar eine unabkömmliche Grundbedingung.
(Dabei ahne ich, dass ich bezüglich dieser Aussage von meinem Team wieder des Prophetentums verdächtigt werde - blöderweise kann ich den Verdacht noch nicht einmal gänzlich von mir weisen - und dennoch:)
Solange ich nicht in der Lage bin wahrzunehmen was ich brauche – wie soll ich da Selbstverantwortung übernehmen können für meine Zufriedenheit? Und Freiheit ohne dies geht doch schlichtweg nicht, oder?
Fragen dieser Art hatte ich begonnen gemeinsam mit Horst Stowasser geistig und herzlich zu erkunden und eine empathistische Revolution zu planen - und nun?
Auf jeden Fall wird es das Anarchistencafé zu Pfingsten geben. Als explizit ausgeschriebenen Frei-Raum, in dem jeder und jede dem nachgehen soll, darf und kann, was ihr jeweiliges Begehr und Bedürfnis ist. Ein Raum der Möglichkeit zur Selbsterforschung. Als Experiementierraum der Freiheit.
Ich selbst werde mir dort an einem Abend eine dicke, stinkende Zigarre anstecken, französischen Landwein trinken und Geschichten über Genuss und Anarchie erzählen – in Reminiszenz an den empathischsten Anarchisten den ich kenne …
Teresa
Nr.2, 28. 1. 2010
Nachdenken über das Böse I
Dreht Obama durch?
Noch einmal die Friedensnobelpreis-Rede von Barack Obama gelesen.
Das Enttäuschende daran ist gar nicht, dass er das Führen von Kriegen in bestimmten Lagen für notwendig erklärt (wenngleich ich mich gern mit ihm im Einzelnen darüber streiten würde, ob solch eine Lage vorliegt). Auch ich bin schließlich froh darüber, dass die Alliierten 1945 den Nationalsozialismus beendet haben.
Das Erschütternde an Obamas Rede ist der Satz: "Das Böse existiert."
Denn das Böse existiert gar nicht. Es ist ein mentales Konstrukt. Ein Hirngespinst. Es ist ein urteilendes Sprachgebilde im Geist von Menschen, um andere Menschen zu Wesen zu erklären, deren Wohlergehen schlechthin zu missachten ist. In der Politik gilt ein solches Urteil als Freifahrtschein für die rücksichtslose Anwendung von militärischer Gewalt und Folter. Wer böse ist, verdient nämlich kein Mitgefühl.
Wenn man sich die Geschichte anschaut, wurden früher Gewaltexzesse meist damit gerechtfertigt, dass die Opfer keine wirklichen Menschen seien – etwa die Ureinwohner von Ländern, die für koloniale Ausbeutung in Frage kamen. Je mehr eine solche Position wissenschaftlich unhaltbar erschien, desto mehr trat "das Böse" als Rechtfertigungsideologie in den Vordergrund (obwohl es auch davor schon herangezogen wurde; besonders das Christentum hat darin eine ruhmlose Tradition). Fast alle groß angelegten Vernichtungsaktionen des letzten Jahrhunderts wurden mit dem Kampf gegen das Böse legitimiert, das auszumerzen sei - im noblen Einsatz für das Gute. (Und einiges spricht dafür, dass in der Deklaration des "Guten" immer schon die Ausrottung des "Bösen" lauert.)
Fast könnte man sagen: Das Böse entsteht überhaupt erst durch die Idee, dass das Böse existiert.
Wenn Obama nun die Unausweichlichkeit von Kriegen mit der objektiven Existenz des Bösen sowie böser Individuen, Staaten und Organisationen erklärt, ist das nicht sonderlich ermutigend.
Falls er solche Sätze selber gar nicht glaubt und sie nur deswegen ausspricht, weil sie dem national-narzisstischen Bedürfnis der US-amerikanischen Mehrheitsseele entsprechen, ist das nicht viel weniger besorgniserregend.
(Die empathiegeneigte Leserin wird bemerkten, dass ich nur sehr geringe Einfühlsamkeit für den Präsidenten und sein Volk an den Tag lege. Man möge mir das nachsehen, da ich mich gerade in Selbst-Empathie für die Grenzen meines Empathievermögens oder -willens übe.)
Ob wir zumindest in unserem eigenen Leben darauf verzichten können, andere Menschen ins grundsätzliche Unrecht zu setzen, indem wir sie damit brandmarken, die Eigenschaft "böse" an sich zu haben?
Und ob wir darauf verzichten können, uns selber dadurch aufzuwerten, dass wir "so nicht sind" wie die als Böse Bezeichneten, sondern eben – "besser"?
Das wäre immerhin im Persönlichen ein Durchbruch zu einer friedlicheren Welt.
(Dabei merke ich allerdings, wie schwer es mir fällt, mich nicht "besser" zu fühlen als die, die das Wort "böse" im Munde führen.)
Verstehen statt Urteilen. Übrigens auch und zuallererst wir gegenüber uns. Denn auch wenn es mittlerweile fast eine esoterische Binsenweisheit geworden ist: Letztlich behandeln wir andere so wie uns - und umgekehrt. Der Großinquisitor kann nur von der Hexenverfolgung geheilt werden, wenn er aufhört, sein eigener Inquisitor zu sein. Alles andere ist nur "dünne Firnis über der Barbarei". Der inneren wie auch der äußeren.
herzlichen Gruß an alle EmpathiefreundInnen und -feinde:
Marcus
P.S. Filmtipp: "Die Fürsten der Dunkelheit" von John Carpenter. Da ist das Böse eine köchelnde grüne Substanz, die der Antichrist in den Katakomben einer Kirche aufbewahrt. Sehr lustig.
P.P.S. Irgendwie nebensächlich, aber doch interessant finde ich, dass die Idee des Bösen selbst militärstrategisch ziemlich unklug ist - wie die amerikanischen Desaster in Vietnam und Afghanistan zeigen. Wer den Gegner nicht begreift, kann ihn noch nicht einmal besiegen. Geschweige denn Schöneres mit ihm anfangen.
Nr.1) 05.01.2010
Wozu das alles?
Momentaufnahme aus dem Team
Wir haben die letzten drei Tage intensiv mit uns, Eintauchen ins Thema Empathie und vor allem der Frage verbracht, was unser Herz entflammen lässt, wenn wir an Pfingsten denken. Dabei haben wir uns erst einmal richtig schön gestritten – ganz nach dem Motto: „Konflikte bieten die Möglichkeit, sich tiefer kennenzulernen“.
Was immer mehr zunimmt zwischen uns, ist das Vertrauen, dass jede® wirklich so sein darf wie sie nun mal ist. Und dass wir uns nicht gleichmachen wollen, sondern gerade unsere Unterschiedlichkeit einen kostbaren Schatz birgt. Für mich ist das was ganz besonderes: diese zunehmende Sicherheit dessen, dass die anderen mich verstehen – vielleicht nicht sofort, aber es zumindest ein Ringen darum gibt und nicht sofort eine Schublade geöffnet wird, in die ich hineingesteckt werde (oder auch mich selbst hineinstecke).
Unsere größte Herausforderung gerade: das, was wir an dem Festival vermitteln wollen, das Hineinlauschen und die Verlangsamung anstatt dem blinden Aktionismus und einer Getriebenheit, selbst zu leben. Die Falle, in Stress, Hektik und Aktionismus zu verfallen tut sich an allen möglichen Stellen auf. Wie können wir aus diesem Hamsterrad aussteigen und dabei dennoch effektiv sein? Oder wann geht es ganz und gar nicht um Effektivität? Was beginnt, wenn wir nicht unserem gewohnten Trott folgen, sondern wirklich auf neuen Pfaden wandeln?
Wir experimentieren mit neuen Formen. Sitzen zum Beispiel mal alle im Kreis unseres eingedunkelten Wohnzimmers rund um eine Kerze und lauschen, was uns der „Pfingstgeist“ zu sagen hat. Zuerst habe ich mich innerlich über uns selbst lustig gemacht, doch dann einfach mal in mich selbst hineingehört. Und dabei kamen erstaunliche Dinge: Es geht um VER-LANG-SA-MUNG. Und: „No Message!“ – was soll das denn – nichts aussagen? Ich bin doch die Empathieprophetin. Doch der Pfingstgeist hat das Sagen, da kann ich mich nur hingeben. das wurde mir im Übrigen auch „befohlen“. Hingabe. Und Schönheit. Und: “Was heißt es, sich selbst zu lieben?“
Andreas ist diese Frage ja zu kitschig. Ich hingegen denke, dass eben das der Kernpunkt von Empathie ist. Denn wenn wir anfangen uns zu lieben, wirklich zu lieben mit allem was in uns ist, mit aller „Ekelhaftigkeit“, dann sind wir genau dort, wo wir doch hinwollen: im Mitgefühl für uns – nicht nur für die schön ausstaffierte Sonnenseite, sondern inclusive Speckfalten, Altersflecken und Aggressionsschüben. Dann muss ich nicht mehr urteilen, sondern bin einfach mit allem, was da in mir tobt und spuckt und ängstigt und trauert. Kann mich wahrnehmen und in den Arm nehmen. Und auch dafür sorgen, dass es mir selbst besser geht. Das ist es wohl, was mein Herz derzeit gehörig in Wallung bringt: die Vorstellung eines solchen Seins mit mir. Und diese Vorstellung auf dem Festival erfahrbar zu machen: sich selbst lieben. Dies mal als Beginn…
Teresa
Nr. 0, 20.1.2010
Artikel aus der Tageszeitung "Der Standard" zur Verrohung der Österreicher
Sorge um die österreichische Seele