Der menschliche Resonanzraum
Der zweite Hauptweg zur Empathie verläuft anders als der erste nicht im Reich der Sprache. Jedenfalls nicht hauptsächlich.
Er ist mehr ein musikalisches Projekt als ein mentales. Es ähnelt dem Mit-Schwingen der Saite eines Instrumentes mit einem angeschlagenen Ton auf einem anderen Instrument. Eher handelt es sich um ein Resonanzphänomen, um eine menschliche Feldüberlagerung, als um ein Abbilden des Zustands von Wesen a in Wesen b. Ich nehme die Musik des anderen (ob von sinfonischer Größe oder als verstörenden Missklang) wahr, indem ich sie in mir selbst zum Klingen bringe, mich mitklingen lasse; indem wir beide uns in diesem Klang-Raum gemeinsam bewegen; oder indem wir ihn sogar gemeinsam erzeugen. Letzteres kann uns bis in diejenige Sorte beglückender, ekstatischer Begegnungen führen, die entstehen, wenn die Grenze zwischen Kommunikation und "Kommunion" überschritten wird. Es ist dann keine Mitteilung mehr, die ein Sender einem Empfänger schickt, sondern ein gemeinsames Erschaffen, eine "Schöpfung". Im Extremfall kann dabei eine Art mystischer Verschmelzung auftreten; aber seid bitte vorsichtig, wenn Ihr davon Eurem Psychiater berichtet.
Im Irrgarten der Gefühle
Soweit das Ideal. Der Traum. Doch vor die Empathie haben die Götter ja die Emotionen gesetzt (ich verwende das Wort hier absichtlich in einem weiten und nicht scharf abgegrenzten Sinn): Wut. Zorn. Hass. Angst. Panik. Trauer. Verzweiflung. Trotz. "Widerstand". Schmerz. Undsoweiter.
In gewisser Weise sind diese Seinszustände Hindernisse für "wirkliche" Verbindung, weil sie wie Stoppsignale wirken, wie mit Hochspannung elektrisch geladene Zäune, die den Zugang zu meinem verletzbaren, verletzten Inneren verwehren. Gleichzeitig sind sie jedoch die Königstore zur Verbundenheit.
Denn es führt nie zu "echtem" Kontakt mit anderen Menschen, Kollektiven oder Außerirdischen, die gegenwärtige Realität zu überspringen. Und Emotionen sind real. Viele spirituelle Schulen betonen zwar das Gegenteil, dass nämlich (negative) Emotionen im Grunde irrsinnige Phantasiekonstrukte seien. Und auch das ist in gewisser Weise richtig. Zumindest beruhen sie auf Phantasiekonstrukten (zum Beispiel Hass auf der halbbewussten Idee, dass der Andere "schuld" an meinem Liebeskummer hat und dafür bestraft werden sollte.) Auf der Betrachtungsebene der Energiephänomene jedoch sind Emotionen im höchsten Grade wirklich. Und die Erfahrung mit Wandlungsprozessen sagt, dass die beste, wenn nicht einzige Methode, über eine Wirklichkeit hinauszuwachsen, darin liegt, sie zuallererst − anzuerkennen. Sie zu sehen, zu hören, zu spüren. Mit voller Überzeugung zu sagen: "Ja, Du bist da, Gefühl. So ist es." Das ist die Basis der psychischen Alchemie der Veränderung. Nur so wird in der Seele Blei zu Gold.
Alles andere läuft auf pseudo-empathische Scheinheiligkeit hinaus und auf narzisstischen Selbstbetrug ("ich bin über den ganzen Kränkungs- und Wutquatsch längst hinaus! Wow, bin ich empathisch-erhaben!").
Beginne, wo du stehst
Eine Reise, die nicht genau an dem Ort beginnt, wo wir uns jetzt befinden, kann immer nur eine Phantasiereise bleiben. Und das bedeutet: Wie bescheuert unsere Emotionen, unsere Energiezustände oder Energieblockaden auch sein mögen − ich kann sie niemals ausmerzen. Durch die Hintertür rufen sie schon "Kuckuck! Wieder da! Und doppelt so mächtig! Ätschibätsch!" Ich kann sie nur schmelzen lassen. Indem ich mich ihnen stelle. Indem ich sie dasein lasse. Indem ich mit ihnen bin, so, wie sie jetzt sind. Und dann weiter, Schicht für Schicht. Bis unser Konzert nach richtiger Musik klingt.
Doch Achtung: Alle Energieformen in mir sind höchst empfindsam gegenüber den Betrugsversuchen unseres Verstandes. Besonders die am wenigsten geliebten. Die sind nämlich ohnehin schon beleidigt und "im Widerstand", wie es der oberflächliche Psycho-Jargon zu nennen pflegt. Sie haben Angst vor Auslöschung wie organische Geschöpfe. Wenn ich etwas nur deshalb dasein lasse, um es hinterher umso besser töten zu können, dann wird es mit ziemlicher Gewissheit einen Teufel tun, sich zu transformieren. Es wird nur größeren Überlebenswillen entwickeln. Ein faszinierendes Paradox, nicht wahr: Wir können das Gefangensein in einer Energieform bei uns oder anderen nur dadurch transzendieren, dass wir diese Energieform zumindest einen Moment lang aus ganzem Herzen und ohne Gedanken an ihre spätere Überwindung akzeptieren. Bedingungslos: "So ist es".
Die vierte Dimension der Empathie
An dieser Stelle verschmilzt Empathie mit Meditation: mit urteilsfreier Präsenz. Ist das jetzt deprimierend, weil übermäßig anspruchsvoll? Müssen wir an solch einem Projekt nicht scheitern, weil es uns hoffnungslos überfordert? Ist es nicht sogar unmöglich, daran nicht zu scheitern, weil das eben genannte Paradoxon gar keine Lösung zulässt?
Eine verfahrene Situation. Doch vielleicht ist das Paradoxon ein Koan, das eine Lösung auf bisher unbekannter Ebene freisetzen kann. "Wenn du liebst, lerne durch den Schnee zu laufen, ohne Spuren zu hinterlassen."