Experiment Empathie 3 - Re:LOVEution

Experiment Empathie 3

Revolution, 25.-30. Mai 2012 im ZEGG bei Berlin


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Marcus
: Wir haben ja das Pfingstfestival als Trilogie angelegt. Beim dritten und letzten Teil dieser Trilogie wollten wir uns und unsere Gäste noch einmal richtig herausfordern – mit einem Thema, wo auch wir erst einmal mehr Fragen als Antworten haben. Ob wir dem am Ende gerecht werden, muss das Festival zeigen.
 
Teresa: Für mich geht es vor allem um das verkehrt herum geschriebene Wort „love“ in dem Wort Revolution. Wie sieht denn eine Revolution aus, die wirklich aus dem Herzen kommt? Bei der es nicht darum geht, andere zu Feindbildern zu machen, irgendetwas zu zertrümmern, zu zerstören, sondern tatsächlich – auch wenn sich das ein wenig kitschig anhört – eine Revolution der Liebe zu versuchen. Wie kann das aussehen? Das ist eine spannende Frage. Und wir wollen der Frage gerecht werden. Nicht dogmatische Antworten liefern.
 
Marcus: Revolution mit Liebe, oder aus der Liebe ... das segelt für mich tatsächlich hart am Kitsch. Wenn wir nicht den Mut haben, es mit einer neuen Sicht des äußerst heiklen Themas Macht zu verknüpfen. Wie können wir auf eine neue und positive Art mächtig werden? Nicht Macht gegen oder Macht über, sondern Macht für und zusammenmit. Im Sinne kooperativer Wirksamkeit – persönlich, zwischenmenschlich und politisch. Wir denken, dass so eine Revolution überhaupt nur als Wandel auf allenEbenen möglich ist. Naja, und ohne Selbsterkenntnis geht sie schon mal gar nicht. Sonst kommt dabei etwas heraus wie damals damals mit dem Genossen Stalin, oder bei den autoritären Versuchen alternativen Lebens, die es ja auch gegeben hat. Und das wollen wir ja alle nicht … aber wie verbinden wir eine starke Wandlungskraft mit Gewaltfreiheit? Und wie können wir zuallererst damit aufhören, uns selbst Gewalt anzutun? Ein Vorschlag, den wir zu machen haben: indem wir aufhören, uns selbst dafür zu verurteilen, wie wir sind. Wie C. G. Jung einmal sagte: Nur was wir annehmen, können wir verändern.
 
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Das Pfingstfestival im ZEGG war sehr lange ein Kulturfestival in einem gemeinschaftlichen Erfahrungsfeld. Ihr habt, wenn ich es richtig sehe, seit zwei Jahren den politischen Charakter gestärkt. Was sind Eure Ambitionen mit diesem Festival?

Teresa: Nun, das gemeinschaftliche Erfahrungsfeld ist uns mindestens genau so wichtig wie vorher! Und wenn Du sagst, wir sind politischer geworden … ja, aber unsere Idee von Politik ist etwas anderes, als was man sich normalerwweise darunter vorstellt. Die Grundidee ist ja, ein „Experiment Empathie“ zu machen. Für mich heißt das, nicht schon alles im Voraus zu wissen. Der Grundsatz von Empathie zeigt sich mir in einem Satz des Mystikers Rumi: „Jenseits von richtig und falsch – dort ist ein Ort, da treffen wir uns.“ Ich möchte einen Raum jenseits von Urteilen kreieren: Wer bin ich und wer ist der andere jenseits meiner Urteile? Das ist für mich etwas zutiefst Politisches. Wenn man das übersetzt auf die Gesellschaft, hat das zum Beispiel Auswirkungen auf das Strafsystem, auf unser gesamtes Erziehungssystem. Bislang werden wir in einem Bewertungssystem von „richtig“ und „falsch“ erzogen, das mehr zählt als das, was ich eigentlich brauche. Im herkömmlichen System werde ich manipuliert und handle allzu oft aus unbewusster Angst vor den Urteilen der Anderen.
 
Marcus: Wenn das Wort nicht so überstrapaziert wäre, würde ich sagen, dass unser Politikverständnis ein ganzheitliches ist. Wir möchten transformatorische Vorgänge auf allen Ebenen erforschen, mit den Menschen, die uns besuchen. Dazu gehört das ganz Persönliche und Allerinnerste ebenso wie der globale Wandel. Unser letztes Festival hat ja den ganzen Bogen gespannt von der Beschäftigung mit dem inneren Kind bis hin zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungsvorgängen.
 
 
 
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Und wie sieht das aus, das Forschen? Was passiert da?

Teresa: Es gibt eine Position in mir, die automatisch, bewusstlos agiert, und eine andere, die kann beobachten. Und diese Differenzierung vorzunehmen, das ist der erste Akt von Forschen: die Selbstbeobachtung. Ich bekomme mit, was in mir eigentlich wirkt und aus welchen Motivationen ich handle. Ganz oft ist ja zum Beispiel eine Motivation die Angst, nicht gut genug zu sein, nicht mehr geliebt zu werden, rauszufallen. Wenn ich das nicht mitbekomme, bin ich ein Spielball dieser unbewussten Ebenen.
 
Marcus: Diese forschende Grundhaltung ist, soweit ich das sehe, in unserer Gesellschaft und selbst in alternativen Zusammenhängen immer noch etwas Ungewöhnliches und Besonderes. Ich sehne mich nach kollektiven Lernvorgängen, in denen nicht die einen den anderen etwas beibringen oder irgendetwas darbieten, das die anderen passiv konsumieren. Ich möchte auch als Veranstalter auf dem Festival etwas Neues erfahren und selber dadurch verändert werden. Ich möchte Dinge neu verstehen, mit den Gästen zusammen neue Perspektiven finden. Und das nicht nur durch die fünf Festivaltage an Pfingsten, sondern durch den ganzen Prozess des Planens, Nachdenkens, Ausprobierens vorher und nachher.
 
Teresa: Wir pflegen ja die Haltung, dass es nicht darum geht, perfekt zu sein. Das leben wir auch auf dem Festival. Wir stellen uns dar mit unseren eigenen Fehlern und möchten einen liebevollen Umgang damit finden. Das ist etwas sehr Politisches. Gesamtgesellschaftlich ist es ein Tabu, auf Fehlern, die man macht, nicht mit Schuldbewusstsein oder Scham oder Peinlichkeit zu reagieren, sondern sich in so einem Moment in den Forschungsprozess zu stellen und zu beobachten, was da in einem selbst abgeht. Ich glaube, das gibt Menschen viel Mut, sich selber auch mehr zu zeigen in ihrer Unperfektion.
 
Marcus: Unser Ansatz ist politisch und spirituell. Aber auf eine sehr erdige Art spirituell in dem Sinne, nicht nur nach oben zu streben, sozusagen zum Lichte hin, sondern immer wieder unsere Schatten, unsere verborgenen und verdrängten Persönlichkeitsanteile in den Blick nehmen, und das auf eine kooperative Weise. Nicht in der Art, dass der Meister seinen ahnungslosen Schülern Weisheiten vermittelt.
 
Das hört sich ja alles nach Arbeit an!

Teresa: Sicher. Auf der einen Seite gehört tatsächlich sehr viel Arbeit dazu. Gerade, was wir an Forschungsarbeit unter uns machen, wie wir selber uns in den Prozess hineinbegeben mit den Themen, die anliegen. Auf der anderen Seite ist es keine Arbeit, weil es uns Spaß macht.

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